Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper

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“Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper” ist das vierte Spiel in der Holmes – Reihe von Frogwares. Diese „point and click“ Abenteuer basieren, anders als die identisch aufgebauten Spiele der Adventure Company welche die berühmtesten Romane von Agatha Christie adaptieren, auf keiner Vorlage Conan Doyles.

Die Konfrontation des Meisterdetektivs mit dem berühmtesten Serienmörder aller Zeiten war bereits mehrfach Thema diverser Bücher, Comics, Filme und Hörspiele, wie es auch schon Gegenstand holmesianischer Forschung gewesen ist, ob Dr. Watson oder gar Sherlock die Morde verübt haben könnten. Kann dieses Spiel dem doch recht abgehandelten Thema neue Aspekte abgewinnen?

Da man dank 3D – Grafik nun selbst durch die dunklen Gassen Whitechapels wandeln kann, ist es ein Versuch allemal wert. Im Folgenden werde ich nach bestem Wissen und Gewissen und so objektiv wie möglich versuchen, Ihnen einen Eindruck und eine Bewertung von Sherlock Holmes jagt Jack The Ripper zu geben, zumal es meines Wissens noch keine Review aus den Reihen dieses Vereins gibt.

1. Handlung

Das Spiel beginnt, ganz dem Kanon getreu, in der 221B Bakerstreet. Watson liest Holmes die Zeitung mit der Schlagzeile über Mary Nichols Ermordung vor und überredet  Holmes – der eigenartig zynisch und unbeteiligt erscheint – sich das Ganze zumindest einmal anzusehen. Nach einem längeren Ausflug in Whitechapel erscheint jedoch Inspektor Abberline in ihrer Wohnung und verlangt das Ende jeglicher Einmischung, um das Ansehen der Polizei nicht noch weiter zu untergraben.

Ab da verlaufen die weiteren Nachforschungen parallel zu Polizei – was ja nichts Neues ist. Da wohl jeder Holmesianer zumindest in den Grundzügen über die Ripper-Morde Bescheid weiß, will ich auf den Verlauf der Untersuchung nicht weiter eingehen – er hält sich, wie ich im folgenden noch mehrfach zeigen werde, enorm detailliert und authentisch an die bekannten Fakten.

2. Grafische und musikalische Umsetzung

 

Eins muss, vor etwaigen Kritikpunkten, deutlich betont werden: Die Schauplätze und das Milieu sind bis ins kleinste Detail geradezu verblüffend realistisch und authentisch wiedergegeben, so etwa damals existierende, relevante Bauwerke wie die Whitechapel-Kirche mit der nachgehenden Uhr, der Sitz des jüdisch-sozialistischen Arbeitervereins usw. Andererseits fühlt sich die Spielwelt so unglaublich leer an. In den begehbaren Straßen und in öffentlichen Räumen wie einem Hospital oder einer Nachrichtenagentur sind dermaßen wenig bzw. überhaupt keine Passanten, dass es manchmal gespenstisch wirkt. Bei dermaßen wenig Verkehr (achtung, Wortwitz) müssten die vorhandenen Prostituierten eine andere Betätigung suchen. Die wenigen KIs sind noch dazu oftmals eins zu eins aus den früheren Spielen übernommen, was zum Teil verwirrend ist – man hätte dies mit einem kurzen Dialog („Was, Sie hier, Colonel?“) befriedigend klären können. Noch schlimmer ist, dass sogar Charaktere, die eine wichtige Rolle spielen, mit demselben Gesicht, nur anders eingefärbten Kleidern, als   anonyme Passanten auftauchen – ein wenig mehr Vielfalt würde eindeutig besser zu dem übervölkerten Londoner East End passen und hätte wohl kaum das mögliche überschritten. Die besonders nachts komplett leeren Straßen lassen einen nur noch meh an der Intelligenz der Polizei zweifeln, zumal an jeder Ecke dem Spieler ein Schutzmann mit Lampe entgegenkommt und einen dazu auffordert, nach Hause zu gehen weil es schon Spät sei. Auch am hellen Nachmittag.

Interessant ist, wie mit den ermordeten Frauen verfahren wurde: Sie sind entweder nur als Kreidestrich zu sehen oder als cartoonisierte, halb durchsichtige Zeichnungen – auch dann sind sie aber noch drastisch genug. Und ich denke, das reicht auch.

Absolut positiv ist die Hintergrundmusik: Düster und geheimnisvoll und spannungsgeladen für die finstere Welt des Rippers oder  geigenbetonte, entspannte Stücke für die Atempausen in der Bakerstreet passt er stets perfekt und kombiniert gekonnt klassische Musik und eigens komponierte Stücke. Ebenso wichtig sind die Soundeffekte. Sie retten viel, was ansonsten durch den Mangel an Figuren verdorben wäre: Hunde bellen, Betrunkene grölen und Frauen weinen, undefinierbare Geräusche durchdringen den Nebel: Teilweise war ich von der Atmosphäre so gefangen dass ich die Zeit vergaß.

3. Spielspaß

Die Ermittlung ist sehr weit gefächert und durchweg überzeugend: Zeugen werden verhört, Dokumente gesammelt, Polizeiakten und Zeitungen durchsucht, Schlussfolgerungen fixiert  – und sie müssen wirklich gelesen werden! – und natürlich wieder allerlei Dinge im Inventar gesammelt, verwendet oder zusammengebastelt werden. Man wechselt häufig den Schauplatz und kommt zu verschiedenen Tageszeiten und Wetterlagen zu einzelnen Orten zurück, was jeweils absolut überzeugend wirkt. Holmes und Watson wechseln sich diesmal häufiger in den Ermittlungen ab und obwohl Holmes ziemlich herablassend Watsons Bemühungen kommentiert, leistet unser guter Doktor jeweils genauso viel wie Holmes.

Neu in dieser Serie sind eigene Abschnitte, in denen die Indizien und herausgefundenen Fakten zu Schlussfolgerungen bezüglich des Mörders kombiniert werden müssen; auch wen das in der Regel durch try-and-error gelöst werden kann, ist es eine gute Erweiterung.

Leider, leider, wird der Spielspaß und vor allem die Spannung beinahe bewusst ruiniert. Man ist beinahe andauernd gezwungen, diesem einen Gefallen zu tun, um jenes zu kriegen und dann wieder das und dies zu erreichen… Buchstäblich jede Tür ist ein Kombinationsschloss, sogar ein Medaillon aus einem Spalt im Parkettboden zu angeln ist ein Puzzlerätsel! Das dauert alles ewig und man hat über lange Zeit vergessen, worum es eigentlich geht. Das ist schade und unnötig, dafür entlohnen die Untersuchungen der Tatorte und Deduktionen, die tatsächlich Jack betreffen: Man denkt sich: „Hey, ich jage Jack the Ripper!“  und genießt diese Abschnitte umso mehr.

4. Holmesiana

Abschließend die Frage, inwiefern dieses Detektivspiel ein Holmesspiel ist oder ob an sich jede Figur der Ermittler hätte sein können. Dies ist schwierig zu beantworten, weil zwar Holmes und Watson oft erkannt werden, dies aber nur selten eine Auswirkung hat. Jedoch sind die Wortgefechte erfrischend und einige Szenen regelrecht anrührend, etwa wenn Sherlock in Miller’s Court das letzte Opfer findet und geschockt nach Hause gebracht werden will, nur um wenig später die Leiche in Ton nachzubilden, um sie zu untersuchen – eine sehr gute Idee. Schön ist auch, dass das klassische Wohnzimmer der Bakerstreet immer weiter angefüllt wird mit Souvenirs und Tabellen, Puppen und Stadtkarten, je länger die Untersuchung andauert.

5. Fazit

Für Fans sowieso ein Muss, da das Spiel jetzt für weniger als zehn Euro zu haben ist. Für Ripperologen sehr interessant, weil wirklich die historische Authentizität hochgehalten wird. Aber für die, welche ein spannendes point-and-click Adventure erwarten: Sorry, es ist einfach zu oft langweilig und frustrierend.

 

Jan 08th by Nicole Glücklich

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